Déjàvu Benzinkrise anno 1973

Déjàvu Benzinkrise anno 1973 – Es sind Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben: menschenleere Autobahnen, Kinder, die dort spielen, wo sonst Blechlawinen rollen, Radfahrer statt PS – eine Gesellschaft im Ausnahmezustand. Am 25. November 1973 stand der Verkehr in Europa still. Die Politik reagierte mit Fahrverboten, Tempolimits und hektischen Maßnahmen auf etwas, das man sich bis dahin kaum vorstellen konnte: Energie war plötzlich knapp.
Auch in Österreich zeigte sich die Wucht der Krise unmittelbar an der Zapfsäule. Vor Beginn der Benzinkrise lag der Preis bei rund 2,50 Schilling pro Liter. Innerhalb kurzer Zeit stieg er auf etwa 4,50 Schilling. Und plötzlich geschah etwas Bemerkenswertes: Mit dem höheren Preis war wieder ausreichend Treibstoff verfügbar. Die Hiobsbotschaft des endgültigen Aus der Erdölverfügbarkeit verschwand beinahe so schnell, wie sie gekommen war. Der Mythos von der absoluten Endlichkeit des Rohöls wurde leise relativiert – und der Alltag kehrte zurück. Die Erleichterung war groß, wieder uneingeschränkt Auto fahren zu können.
Der Auslöser 1973 war der Jom-Kippur-Krieg in dem damals arabische Länder gegen Israel einen Krieg führten. Arabische Förderländer reduzierten bewusst ihre Ölproduktion und setzten ein klares Signal: Wer politisch nicht spurt, bekommt kein Öl. Die Organisation der Arabischen Erdölexportierenden Staaten – OPEC – drosselte die Förderung, während die OPEC parallel die Preisstruktur neu definierte. Das Ergebnis war eine künstliche Verknappung – und ein Preisschock historischen Ausmaßes.
Die Zahlen sprechen für sich
Der Preis für ein Barrel Rohöl vervierfachte sich innerhalb eines Jahres von drei auf zwölf Dollar. Die wirtschaftlichen Folgen waren dramatisch. Die Industrieproduktion brach ein, das Wirtschaftswachstum stagnierte, und die Arbeitslosigkeit vervielfachte sich. Die vermeintlich sichere Energieversorgung entpuppte sich als Illusion.
Zwar lockerte die OPEC im Dezember 1974 ihre Abgabebeschränkungen, doch Rohöl blieb teuer – mit weltweit spürbaren Folgen. Als Reaktion wurde noch im selben Jahr die Internationale Energieagentur -IEA – gegründet, um künftigen Versorgungsengpässen koordinierter begegnen zu können. Gleichzeitig investierten große Ölgesellschaften in neue Fördergebiete außerhalb der OPEC, etwa in der Nordsee.
Die Krise veränderte auch das Denken. Der Bericht des Club of Rome über die „Grenzen des Wachstums“ erhielt neue Aufmerksamkeit. Energiesparen, Nachhaltigkeit und der politische Wille zum „Weg vom Öl“ wurden zu zentralen Themen. Maßnahmen wie die Einführung der Sommer- und Winterzeit oder der Ausbau der Kernenergie waren direkte Folgen dieser Erkenntnis.
Und heute 2026?
Wieder steht die Frage im Raum, wie stabil unsere Versorgung wirklich ist. Der Konflikt rund um den Iran zeigt, wie schnell Energie erneut zum geopolitischen Druckmittel werden kann. Gleichzeitig erleben wir eine vertraut klingende Debatte: Die Internationale Energieagentur argumentiert aktuell, dass rund 45 Prozent des Erdölverbrauchs auf den Verkehrssektor entfallen. Doch unabhängige Studien zeichnen ein differenzierteres Bild und relativieren diese Zahl.
Die Parallelen zur Vergangenheit sind offensichtlich – aber auch die Mechanismen. Schon 1973 zeigte sich: Knappheit ist nicht nur eine Frage physischer Verfügbarkeit, sondern auch von Preis, Politik und Marktpsychologie.
Die aktuelle Lage eine Warnung?
Nicht nur vor möglichen Engpässen an der Zapfsäule, sondern vor einer grundlegenden Abhängigkeit, die nach wie vor besteht. Solange fossile Energie politisch instrumentalisiert werden kann, bleibt sie ein Unsicherheitsfaktor.
Und doch zeigt der Blick auf die Gegenwart eine beunruhigende Parallele – und zugleich einen entscheidenden Unterschied: Während 1973 reale Verknappung auf politische Entscheidungen traf, reagieren heute die Märkte oft schneller als die Realität. Kaum war die erste Bombe im Iran eingeschlagen, schossen die Preise an den Tankstellen nach oben. Der Reflex ist bekannt: Angst treibt den Preis.
Doch diesmal stellt sich eine noch unbequemere Frage deutlicher denn je – wie viel dieser Entwicklung ist tatsächliche Knappheit, und wie viel ist Erwartung, Spekulation oder schlicht Marktmechanik?
Vielleicht liegt genau hier auch ein Teil der Lösung für die Zukunft. Neben der Elektrifizierung rücken zunehmend alternative Kraftstoffe wie E-Fuels in den Fokus – synthetische, klimaneutrale Treibstoffe, die bestehende Infrastruktur weiter nutzbar machen könnten und die Abhängigkeit von geopolitisch sensiblen Förderregionen reduzieren würden. Noch sind sie teuer und in der Produktion begrenzt. Doch die Geschichte lehrt: Technologische Alternativen gewinnen immer dann an Dynamik, wenn Krisen den Druck erhöhen.
Das Déjà-vu ist also real. Doch vielleicht liegt die eigentliche Lehre nicht nur in der Angst vor dem Mangel, sondern im kritischen Blick auf seine Ursachen – und in der Bereitschaft, neue Wege zuzulassen. Die entscheidende Frage ist daher nicht nur, ob wir genug Energie haben, sondern welche. hak/am

