Europas H₂-Korridore nehmen Fahrt auf

Europas H₂-Korridore nehmen Fahrt auf – Österreich einmal auf der Verliererstraße beim Ausbau des AFIR-Ausbau – Der europäische Schwerverkehr steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Während batterieelektrische Lkw vor allem im regionalen Verteilerverkehr ihre Stärken ausspielen, gilt Wasserstoff insbesondere für den internationalen Fernverkehr als wichtiger Baustein der Dekarbonisierung.
Damit diese Technologie überhaupt funktionieren kann, braucht es jedoch eines: eine flächendeckende Tankstelleninfrastruktur entlang der wichtigsten Verkehrsachsen Europas. Genau hier setzt die Alternative Fuels Infrastructure Regulation (AFIR) an – die neue EU-Verordnung für den Aufbau alternativer Kraftstoffinfrastruktur. Sie verpflichtet alle Mitgliedstaaten, bis 2030 ein europaweit durchgängiges Netz an Wasserstofftankstellen entlang der TEN-T-Hauptverkehrskorridore aufzubauen.
Was schreibt die AFIR vor?
Die AFIR ist seit 2024 unmittelbar in allen EU-Mitgliedstaaten gültig und ersetzt die bisherige Richtlinie für alternative Kraftstoffe. Für Wasserstoff gelten klare Mindestvorgaben: öffentliche Wasserstofftankstellen spätestens alle 200 Kilometer entlang des TEN-T-Kernnetzes, Versorgung aller wichtigen urbanen Verkehrsknoten, Tankstellen mit ausreichender Kapazität für schwere Nutzfahrzeuge, grenzüberschreitende Vernetzung der europäischen Wasserstoffkorridore bis 2030
Das Ziel ist eindeutig: Ein Brennstoffzellen-Lkw soll künftig von Rotterdam bis Palermo oder von Hamburg bis Athen ohne Versorgungsprobleme unterwegs sein können. Die Infrastruktur soll den internationalen Güterverkehr ebenso zuverlässig versorgen wie heutige Dieseltankstellen.
Deutschland nimmt beim Aufbau der Wasserstoffinfrastruktur derzeit eine Schlüsselrolle ein. Das ist wenig überraschend, denn kaum ein anderes Land verfügt über derart stark frequentierte Transitachsen für den europäischen Güterverkehr.
Im Januar startete das deutsche Bundesverkehrsministerium deshalb einen neuen Förderaufruf für Wasserstofftankstellen und Brennstoffzellen-Lkw. Das Interesse der Wirtschaft fiel also enorm aus – 526 Förderanträge, 455 Millionen Euro beantragtes Fördervolume, 71 Tankstellenprojekte, 455 Anträge für Fahrzeuge und Flotten.
Auch der Bund stellte zunächst 220 Millionen Euro zur Verfügung. Das Fördermodell verfolgt bewusst einen integrierten Ansatz: Gefördert werden Tankstellen gemeinsam mit den dazugehörigen Lkw-Flotten. Dadurch soll das klassische „Henne-Ei-Problem“ vermieden werden – Tankstellen entstehen dort, wo auch tatsächlich Fahrzeuge unterwegs sind. Geplant ist zunächst der Aufbau von bis zu 40 leistungsfähigen Wasserstofftankstellen für den Schwerverkehr.
Italien baut vor – Österreich droht den Anschluss zu verlieren
Während Deutschland den Aufbau eines Wasserstoffnetzes mit einem 220-Millionen-Euro-Förderprogramm massiv beschleunigt, ist Italien bei der Infrastruktur bereits einen entscheidenden Schritt weiter. Über das nationale Wiederaufbauprogramm (PNRR) wurden inzwischen rund 45 Wasserstofftankstellen entlang der wichtigsten TEN-T-Korridore bewilligt und finanziert, deren Inbetriebnahme bis Herbst 2026 vorgesehen ist. Damit schafft Italien frühzeitig die Voraussetzungen für einen emissionsfreien Schwerverkehr zwischen Brenner, Po-Ebene und den großen Logistikzentren des Landes.
Österreich verfügt zwar mit dem Brenner, der Westautobahn (A1), der Tauernachse (A10) und der Südautobahn (A2) über einige der bedeutendsten europäischen Transitstrecken, beim Aufbau einer flächendeckenden Wasserstoffversorgung besteht jedoch noch erheblicher Nachholbedarf. Branchenvertreter kritisieren, dass konkrete Umsetzungsprojekte erst 2027 Fahrt aufnehmen. Soll die AFIR-Vorgabe eines Wasserstofftankstellennetzes im Abstand von maximal 200 Kilometern bis 2030 erfüllt werden, – was angesichts der aktuellen politischen Situation unmöglich erscheint – müssen Planung, Genehmigung und Bau in den kommenden Jahren wohl mit einem Wunder beschleunigt werden.
Österreich ohne Tankstellen
Für Österreich besitzt Wasserstoff eine besondere strategische Bedeutung. Das Land liegt mitten auf mehreren europäischen Transitachsen. Vor allem folgende Routen gehören zum europäischen TEN-T-Kernnetz: Brennerkorridor, Westautobahn (A1), Südautobahn (A2), Tauernachse (A10), Pyhrnautobahn (A9)
Der Brenner zählt dabei wohl zu den wichtigsten Lkw-Korridoren Europas. Täglich passieren tausende Schwerfahrzeuge die Alpen zwischen Deutschland und Italien. Trotz dieser strategischen Lage befindet sich Österreich aber beim Ausbau der Wasserstoffversorgung vergleichsweise am Anfang. Zwar existieren einzelne Wasserstofftankstellen, ein flächendeckendes Netz für schwere Nutzfahrzeuge ist jedoch noch in weiter Ferne.
Sollte Österreich die verbindlichen Ausbauziele der AFIR nicht einhalten, drohen automatisch festgelegte Strafen und die Europäische Kommission kann ein weiteres Vertragsverletzungsverfahren einleiten. Im Falle einer Verurteilung durch den Europäischen Gerichtshof können – je nach Schwere und Dauer des Verstoßes – Milliardenstrafen sowie tägliche Zwangsgelder verhängt werden, bis die Vorgaben erfüllt sind. Die Höhe legt der EuGH im Einzelfall fest.
Warum Wasserstoff im Fernverkehr?
Im Pkw-Bereich hat sich die Batterie bislang klar durchgesetzt. Im Schwerverkehr sieht die Situation differenzierter aus. Brennstoffzellen-Lkw bieten insbesondere im Fernverkehr mehrere Vorteile:
- Reichweiten von bis zu 800 Kilometern
- Tankzeiten von nur etwa 10 bis 15 Minuten
- hohe Nutzlast ohne schwere Batteriepakete
- nahezu unterbrechungsfreier Langstreckenbetrieb
Gerade für Speditionen mit hohen Tageslaufleistungen kann Wasserstoff daher wirtschaftlich interessant werden. Allerdings bleibt die Technik derzeit noch kostenintensiv. Sowohl Fahrzeuge als auch Tankstellen benötigen hohe Investitionen. Deshalb setzen nahezu alle europäischen Staaten zunächst auf umfangreiche Förderprogramme. Erst mit steigenden Fahrzeugzahlen sollen dabei die Kosten deutlich sinken.
2030 wird zum entscheidenden Jahr
Mit AFIR hat Europa erstmals verbindliche Ausbauziele für Wasserstofftankstellen beschlossen. Während Deutschland bereits massiv investiert und Italien seine wichtigsten Logistikachsen bereits abgearbeitet hat, steht Österreich seine zentrale Rolle als Transitland auch bei der Wasserstoffversorgung zu verlieren.
Fest steht: Ohne ein lückenloses Netz leistungsfähiger Wasserstofftankstellen entlang der europäischen Hauptverkehrsachsen wird der emissionsfreie Fernverkehr nicht funktionieren. Die AFIR liefert dafür den regulatorischen Rahmen – nun müssen die Mitgliedstaaten liefern.


