Mit Klimagas zu mehr Öl – CO₂ soll versteckte Reserven heben

Mit Klimagas zu mehr Öl – CO₂ soll versteckte Reserven heben – Was paradox klingt, könnte für die Ölindustrie zum Milliarden- beziehungsweise Billionengeschäft werden. Mit Kohlendioxid lassen sich aus alten und bereits weitgehend ausgebeuteten Ölfeldern zusätzliche Mengen Rohöl gewinnen. Forscher der University of Houston sehen darin ein enormes Potenzial – und zugleich eine ungewöhnliche Verbindung zwischen fossiler Energie und Klimaschutztechnologie.

CO₂ gilt normalerweise als eines der großen Probleme des Klimawandels. In der Erdölindustrie kann das Treibhausgas allerdings eine ganz andere Funktion übernehmen: Es hilft dabei, Öl aus Lagerstätten zu lösen, das mit herkömmlichen Fördermethoden kaum noch erreichbar ist. Das Verfahren trägt den Namen CO₂ Enhanced Oil Recovery, kurz CO₂-EOR.

Prinzip & Förderung 

Das Prinzip ist vergleichsweise einfach. Wenn ein Ölfeld über viele Jahre ausgebeutet wurde, bleibt ein beträchtlicher Teil des Öls im Gestein zurück. Wasserinjektionen oder andere Verfahren können die Förderung zwar verlängern, irgendwann reichen sie aber nicht mehr aus. Genau hier kommt CO₂ ins Spiel. Das Gas wird unter hohem Druck in die Lagerstätte gepresst. Dort kann es sich mit dem Öl vermischen, dessen Fließeigenschaften verändern und den Druck im Reservoir erhöhen. Dadurch wird zusätzliches Rohöl in Richtung der Förderbohrungen gedrückt.

Die Technologie selbst ist keineswegs neu. CO₂-EOR wird in den USA bereits seit Jahrzehnten eingesetzt. Neu ist vielmehr die Perspektive, das Verfahren mit der Abscheidung von CO₂ aus Industrieanlagen und dessen anschließender Speicherung beziehungsweise Nutzung zu verbinden. Die University of Houston beschäftigt sich intensiv mit dieser Kombination aus Carbon Capture, Utilization and Storage (CCUS) und Ölförderung.

Eine aktuelle Untersuchung des Center for Carbon Management in Energy der Universität kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Allein in den USA könnten theoretisch rund 137 Milliarden Barrel Öl durch CO₂-EOR technisch förderbar sein. Besonders groß ist das Potenzial in Texas und entlang der Golfküste. Dort befinden sich mehr als die Hälfte der US-Ressourcen, die für dieses Verfahren als besonders geeignet gelten.

Damit bekommt die Diskussion eine erstaunliche Wendung. CO₂ soll nicht nur unterirdisch gespeichert werden, sondern zunächst dabei helfen, zusätzliches Öl zu produzieren. Befürworter argumentieren, dass dadurch bestehende Infrastruktur und bereits erschlossene Ölfelder länger genutzt werden können. Gleichzeitig kann abgeschiedenes CO₂ dauerhaft in geologischen Formationen gebunden werden. Die University of Houston bezeichnet CO₂-EOR deshalb als mögliche Brücke zwischen konventioneller Energieversorgung und einer kohlenstoffärmeren Energiewirtschaft.

Doch genau hier liegt auch der entscheidende Streitpunkt. Denn zusätzlich gefördertes Öl wird später verbrannt – und dabei entsteht erneut CO₂. Ob ein CO₂-EOR-Projekt tatsächlich zu einer niedrigeren Klimabilanz führt, hängt deshalb wesentlich davon ab, woher das eingesetzte CO₂ stammt, wie viel davon dauerhaft gespeichert wird und welche Emissionen bei Förderung, Verarbeitung und Transport entstehen.

Auch wirtschaftlich ist die Sache nicht automatisch ein Selbstläufer. Ölpreis, Fördermenge, Investitionskosten, vorhandene Infrastruktur und die geologischen Bedingungen bestimmen darüber, ob sich ein Projekt rechnet. Die Forscher der University of Houston betonen deshalb ausdrücklich, dass nicht jede theoretisch förderbare Menge auch wirtschaftlich gewonnen werden kann.

Der eigentliche Clou liegt damit weniger darin, dass CO₂ plötzlich zu einem neuen Fördermittel wird. Vielmehr könnte ein bereits etabliertes Verfahren durch moderne CO₂-Abscheidung, neue Infrastruktur und die Wiederbelebung alter Ölfelder eine Renaissance erleben.

Das Ergebnis ist eine energiepolitische Gleichung mit Widerspruch. Ausgerechnet ein Klimagas könnte helfen, mehr Öl zu fördern. Ob daraus tatsächlich ein Beitrag zum Klimaschutz oder lediglich eine effizientere Methode zur Verlängerung des fossilen Zeitalters wird, dürfte davon abhängen, wie konsequent das abgeschiedene CO₂ dauerhaft im Untergrund bleibt – und wie schnell gleichzeitig Alternativen zum Erdöl vorankommen.