Veränderung statt nostalgische Rückblicke

Veränderung statt nostalgische Rückblicke – Die europäische Automobilindustrie war über Jahrzehnte das Maß aller Dinge.  So zum Beispiel „Made in Germany“ stand weltweit für Qualität, Ingenieurskunst und technische Perfektion. Volkswagen, Mercedes-Benz, BMW oder Audi waren Marken, die Generationen geprägt haben und auf die Europa mit Recht stolz sein konnte. Doch genau dieser Erfolg scheint heute zu einer gefährlichen Last geworden zu sein.

Wenn heute hunderttausende Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen, Milliarden eingespart werden müssen und Werke geschlossen werden, dann ist es zu einfach, mit dem Finger auf China, Tesla oder die Elektromobilität zu zeigen. Der Wandel kam nicht überraschend. Er hat sich über viele Jahre angekündigt – und wurde dennoch vielfach ignoriert.

Statussymbol oder Marktführerschaft

Die Managementberaterin Jane Enny van Lambalgen spricht zum Beispiel von einer hausgemachten Krise. Dieser Analyse kann man in vielen Punkten durchaus zustimmen. Wer sich jahrzehntelang auf seiner Marktführerschaft ausruht, verliert zwangsläufig den Blick für die Zukunft. Die Automobilbranche war lange davon überzeugt, dass ihre Fahrzeuge allein aufgrund ihres Namens gekauft werden. Doch Kunden erwarten heute weit mehr als einen guten Motor oder hochwertige Materialien.

Das Auto ist längst zu einem digitalen Produkt geworden. Software, künstliche Intelligenz, Konnektivität und permanente Updates entscheiden heute ebenso über den Erfolg wie Fahrwerk oder Motorleistung. Genau hier haben viele europäische Hersteller den Anschluss verloren. Während neue Wettbewerber ihre Fahrzeuge von Beginn an als rollende Computer entwickelt haben, kämpften etablierte Hersteller mit komplizierten Softwareprojekten und langwierigen Entwicklungsprozessen.

Unternehemenskultur & Entscheidungen

Hinzu kommt eine Unternehmenskultur, die über Jahrzehnte vom Verwalten statt vom Gestalten geprägt war. Viele Entscheidungen wurden nicht danach getroffen, was morgen notwendig sein wird, sondern danach, wie bestehende Strukturen möglichst lange erhalten werden können. Innovation wurde häufig durch Hierarchien, Konzernpolitik und langwierige Abstimmungsprozesse ausgebremst.

Natürlich darf man dabei die Arbeitnehmer nicht zu Sündenböcken machen. Gute Arbeitsplätze sind ein hohes Gut. Ebenso wichtig ist jedoch die Erkenntnis, dass Arbeitsplätze nur dort dauerhaft gesichert werden können, wo Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich bleiben. Ohne Wettbewerbsfähigkeit gibt es langfristig auch keine Beschäftigungssicherheit.

Ebenso wenig hilft es, den politischen Rahmenbedingungen allein die Schuld zuzuschieben. Ja, viele Entscheidungen aus Brüssel haben die Industrie zusätzlich belastet. Doch viele Probleme entstanden bereits lange davor. Der Dieselskandal hätte eigentlich ein Weckruf sein müssen, die gesamte Branche neu auszurichten. Stattdessen wurde häufig versucht, mit kleinen Korrekturen das bestehende System zu retten.

Entwicklungszeiten & Plattformen

Beeindruckend ist heute vor allem die Geschwindigkeit, mit der neue Hersteller aus China ihre Produkte entwickeln. Entwicklungszeiten von zwei oder drei Jahren, moderne Softwareplattformen und konsequente Kundenorientierung setzen neue Maßstäbe. Wer darauf mit den Methoden von gestern antwortet, wird morgen kaum bestehen können.

Dabei besitzt Europa nach wie vor enorme Stärken. Unsere Ingenieure gehören zu den besten der Welt. Unsere Zulieferindustrie verfügt über jahrzehntelange Erfahrung, und auch beim Thema Sicherheit oder Fahrdynamik genießen europäische Fahrzeuge weiterhin einen hervorragenden Ruf. Diese Stärken dürfen aber nicht als Freibrief verstanden werden, sondern müssen mit neuer Innovationskraft verbunden werden.

Die Automobilindustrie braucht deshalb keine Durchhalteparolen, sondern einen echten Kulturwandel. Weniger Selbstzufriedenheit, mehr Geschwindigkeit. Weniger interne Machtkämpfe, mehr Kundenorientierung. Weniger Verwaltung des Bestehenden, mehr Mut für Neues.

Die Geschichte zeigt, dass erfolgreiche Unternehmen nicht deshalb groß bleiben, weil sie einmal erfolgreich waren. Sie bleiben erfolgreich, weil sie bereit sind, sich immer wieder neu zu erfinden. Genau darin liegt heute die größte Herausforderung der europäischen Automobilindustrie. Noch ist es nicht zu spät. Aber das Zeitfenster wird kleiner. Wer jetzt nicht handelt, riskiert weit mehr als Marktanteile. Es geht um eine Schlüsselindustrie, die über Jahrzehnte den Wohlstand Europas mit aufgebaut hat. Der nächste Erfolg wird nicht durch nostalgische Rückblicke entstehen – sondern durch den Mut, die Zukunft aktiv zu gestalten.                                                                       hak