Zwischen Hannover und Września – Wohin fährt Volkswagen?

Zwischen Hannover und Września – Wohin fährt Volkswagen? Es ist ein Bild, das Fragen aufwirft: Während bei Volkswagen in Deutschland über die Zukunft ganzer Werke, tausender Arbeitsplätze und die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Produktion diskutiert wird, wird im polnischen Września Richtfest gefeiert. Volkswagen Nutzfahrzeuge baut dort zwei neue Hallen – insgesamt rund 60.000 Quadratmeter – für die nächste Generation des vollelektrischen Crafter.
Die Botschaft aus Polen ist eindeutig: Hier wird investiert, modernisiert und auf die Zukunft gesetzt. Die neuen Hallen sollen eine Produktionsstätte für die Bodenplatte des elektrischen Crafter sowie ein Batterielager und Logistikflächen beherbergen. Fertig sein soll der Ausbau in der zweiten Hälfte 2027. Mehr als 630 Roboter sind bereits im Werk im Einsatz, Künstliche Intelligenz unterstützt die Qualitätssicherung. Dazu kommt eine Photovoltaikanlage mit 18,3 Megawatt Leistung. Und gleichzeitig steht die Zukunft des VW-Nutzfahrzeugwerks in Hannover auf dem Spiel.
Noch ist die Werksschließung keineswegs beschlossen. Doch VW-Finanzvorstand Arno Antlitz hat im August klargemacht, dass es für Hannover nach dem Auslaufen der aktuellen Produktion Anfang der 2030er-Jahre derzeit keine wirtschaftlich tragfähige Nachfolgeproduktion gibt. Auch drei weitere Standorte – Emden, Neckarsulm und Zwickau – haben nach derzeitiger Planung keine gesicherte Folgebelegung. Der Konzern argumentiert mit erheblichen Wettbewerbsnachteilen und zu hohen Kosten. Europaweit sollen Kapazitäten für rund 500.000 Fahrzeuge reduziert werden.
Damit stellt sich eine unbequeme Frage: Warum ist ein hochautomatisiertes, auf Elektromobilität ausgerichtetes Werk in Polen Teil der Zukunftsstrategie – während ein traditionsreicher Standort wie Hannover um seine Zukunft kämpfen muss?
Die Antwort ist vermutlich komplexer als ein simples „Deutschland ist zu teuer“. Natürlich spielen Lohnkosten, Energiepreise, Produktivität, Logistik, Auslastung und die vorhandene Infrastruktur eine Rolle. Aber genau deshalb müsste VW seine Standortpolitik transparenter erklären. Denn für die Beschäftigten in Hannover ist schwer nachvollziehbar, dass auf der einen Seite von massivem Kostendruck gesprochen wird und auf der anderen Seite gleichzeitig neue Produktionskapazitäten für elektrische Nutzfahrzeuge entstehen.
Die Rechnung der Gewerkschaft
Auch die Haltung der Gewerkschaft verdient eine kritische Betrachtung. IG Metall und Betriebsrat pochen darauf, dass die Beschäftigten ihren Teil bereits geleistet hätten. Sie verlangen verbindliche Zukunftsperspektiven für Hannover und argumentieren, der Konzern müsse nun seinerseits liefern. Die Gewerkschaft hat mehrfach klargemacht, dass sie Einschnitte und eine Verlagerung von Zukunftsprodukten nicht einfach akzeptieren werde.
Das ist aus Sicht der Beschäftigten verständlich. Ein Betriebsrat hat schließlich die Aufgabe, Arbeitsplätze und Interessen der Arbeitnehmer zu vertreten. Doch irgendwann stellt sich auch hier die Frage nach der Grenze zwischen berechtigter Interessenvertretung und Blockade.
Wenn ein Standort dauerhaft höhere Produktionskosten verursacht als ein anderer, kann die Forderung „Dieser Standort muss bleiben – egal zu welchen Bedingungen“ keine langfristige Industriepolitik ersetzen. Ein Unternehmen kann nicht auf Dauer gegen seine eigene Kostenstruktur wirtschaften.
Gerade bei Volkswagen ist die Situation besonders sensibel. Die Gewerkschaft verfügt über eine außergewöhnlich starke Stellung im Konzern. Der Konflikt um Arbeitszeit, Entgelt und Beschäftigungssicherung ist deshalb längst mehr als ein normaler Tarifstreit. Ende September hat VW mehrere Tarifverträge gekündigt. Betroffen sind rund 100.000 Beschäftigte in den deutschen Kernwerken; ab 1. Jänner 2027 könnten damit neue Arbeitskämpfe drohen. Das zeigt: Beide Seiten stehen unter enormem Druck.
Wer denkt an die Wettbewerbsfähigkeit?
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur. Wie viele Arbeitsplätze können in Deutschland erhalten werden? Sie muss auch lauten: Wie kann Volkswagen in Deutschland künftig wettbewerbsfähig produzieren? Denn die internationale Konkurrenz wartet nicht.
Volkswagen steht nicht nur gegen andere deutsche Hersteller im Wettbewerb, sondern zunehmend gegen chinesische Produzenten, die mit aggressiver Kostenstruktur, hoher Digitalisierung und immer kürzeren Entwicklungszyklen auf den europäischen Markt drängen. Der Konzern selbst begründet seinen Sparkurs mit dem wachsenden Wettbewerbsdruck und dem notwendigen Umbau der Kostenstruktur. Wer deshalb ausschließlich auf Arbeitsplatzgarantien setzt, ohne gleichzeitig Produktivität, Automatisierung und Kostenstrukturen zu verändern, könnte am Ende genau jene Arbeitsplätze gefährden, die man heute schützen möchte.
Aber auch die andere Seite muss sich eine Frage gefallen lassen: Kann man einen Standort gesundsparen, indem man ihn faktisch aus der Zukunft herausnimmt? Wenn Hannover nach dem Auslaufen der aktuellen Modelle keine neue strategische Aufgabe erhält, wird der Standort zwangsläufig zum Auslaufmodell. Dann wäre nicht die Schließung das eigentliche Problem, sondern die jahrelange fehlende Entscheidung davor.
Polen zeigt was möglich ist
Września ist dafür ein bemerkenswertes Gegenbeispiel. Dort wird nicht über den Rückzug aus der Produktion gesprochen, sondern über den Ausbau. Neue Hallen, neue Roboter, Batterielogistik, Digitalisierung und eine neue Generation eines elektrischen Nutzfahrzeugs.

Das bedeutet nicht automatisch, dass Polen „besser“ oder Deutschland „schlechter“ ist. Aber es zeigt, welche Richtung Volkswagen einschlägt: Investiert wird dort, wo der Konzern offenbar eine wettbewerbsfähige Perspektive sieht. Genau diese Perspektive fehlt derzeit in Hannover. Und genau hier liegt möglicherweise der größte Fehler der deutschen Standortdebatte: Man diskutiert zu häufig darüber, wer schuld ist, anstatt darüber, was künftig produziert werden soll und zu welchen Kosten.
Volkswagen braucht in Deutschland keine Standortgarantie um jeden Preis. Der Konzern braucht Standorte mit einem klaren Zukunftsauftrag. Und die Arbeitnehmervertretung braucht nicht nur rote Linien, sondern auch Antworten auf die Frage, wie deutsche Werke international konkurrenzfähig bleiben können.
Sonderweg wird zum Risiko
Die Automobilindustrie befindet sich mitten in einem historischen Umbruch. Elektromobilität, Software, Automatisierung, künstliche Intelligenz und neue globale Produktionsnetzwerke verändern die Spielregeln. In dieser Situation kann sich auch Volkswagen nicht dauerhaft zwischen Tradition und Transformation entscheiden. Der Konzern muss beides miteinander verbinden.
Die Beschäftigten haben ein Recht auf Perspektive. Aber eine Perspektive entsteht nicht allein durch Tarifverträge. Sie entsteht durch Produkte, die Kunden kaufen wollen, Produktionskosten, die im internationalen Vergleich bestehen können, und Investitionen, die einen Standort für die nächsten Jahrzehnte qualifizieren. Września hingegen bekommt gerade eine solche Perspektive. – Hannover wartet noch darauf.
Und genau darin liegt die politische und wirtschaftliche Brisanz der aktuellen VW-Standortpolitik: Wenn Deutschland künftig nur noch die Vergangenheit des Konzerns verwaltet, während die Zukunft andernorts gebaut wird, wäre das für Volkswagen ebenso gefährlich wie für den Industriestandort Deutschland.
Die Gewerkschaft muss deshalb aufpassen, dass aus berechtigtem Schutz der Beschäftigten keine Verweigerung notwendiger Veränderungen wird. Der Vorstand wiederum muss beweisen, dass es ihm nicht lediglich um kurzfristige Kostensenkungen geht, sondern um eine langfristige industrielle Strategie. Denn am Ende geht es nicht um Hannover gegen Polen. Es geht um die Frage, ob Volkswagen seine Zukunft noch in Deutschland produzieren kann – und will.


